439 Angriffe von Piraten gab es 2011 weltweit auf Handelsschiffe, die Hälfte davon geht auf das Konto somalischer Piraten.
Dies ist das Ergebnis des heute veröffentlichten Jahresberichts des Internationalen Schifffahrtsbüros (IMB), das zur Internationalen Handelskammer (ICC) gehört. Die Kennzahlen aus dem Bericht (mit Vergleichszahl aus dem Vorjahr):
- 439 Piratenangriffe weltweit (445)
- 236 davon durch somalische Piraten (219)
- 802 Geiseln (1181)
- 10 Besatzungsmitglieder ermordet (10)
Das Berliner ICC Büro fasst den Bericht so zusammen:
Von insgesamt 439 verzeichneten Angriffen erfolgten 275 vor den Küsten Somalias an der Ostküste und dem Golf von Guinea an der Westküste Afrikas.
Der Bericht zeigt einen leichten Rückgang bei der Gesamtanzahl der Angriffe weltweit. 2010 wurden 445 Überfälle gemeldet, 2011 waren es 439. Zuvor war vier Jahre lang ein kontinuierlicher Anstieg zu verzeichnen gewesen. Im vergangenen Jahr wurden 802 Besatzungsmitglieder als Geiseln genommen. Auch dies markiert einen Rückgang, da es 2010 noch 1.181 Seeleute waren.
Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 45 Schiffe entführt, 176 geentert, 113 beschossen und 105 abgewehrte Angriffe gemeldet. Wie bereits 2010 kamen auch im vergangenen Jahr zehn Besatzungsmitglieder bei Piratenüberfällen ums Leben. Somalische Piraten bleiben die größte Bedrohung 54 Prozent der weltweit gemeldeten Fälle gehen auf das Konto der somalischen Piraten. So stieg die Anzahl der Angriffe von 219 in 2010 auf 236 im vergangenen Jahr. Erfreulicherweise waren sie jedoch weniger erfolgreich. Die Zahl der erfolgreichen Entführungen sank im gleichen Zeitraum von 49 auf 28.
Dieser Umstand ist auf die Bemühungen der internationalen Seestreitkräfte zurückzuführen. Anderenfalls sei ein größerer Anstieg der Überfälle zu erwarten gewesen, so der Bericht. So wurden alleine im letzten Quartal 2011 rund 20 sogenannte Pirate Attack Groups (PAG) von den Marineeinheiten durch präventive Angriffe im vorhinein davon abgehalten, Handelsschiffe zu überfallen: Während es im letzten Quartal 2010 noch 90 Angriffe gab und 19 Schiffe entführt wurden, fiel die Zahl im Vergleichszeitraum 2011 auf 31 beziehungsweise 4.
“Dieses präventive Vorgehen, das Verhalten der Schiffseigener gemäß den “Best Management Practices” (BMP) sowie der abschreckende Effekt von privaten Sicherheitsdiensten an Bord haben gemeinsam zu einem Rückgang beigetragen,” sagt Pottengal Mukundan, Chef des Piracy Reporting Centre der ICC (IMB PRC), das seit 1991 die Pirateriezahlen weltweit erhebt. “Die Rolle der Marine ist von entscheidender Bedeutung für alle Maßnahmen der Anti-Piraterie-Bekämpfung.”
Obwohl die Anzahl von Schiffen, die private Sicherheitsdienste anheuern und über die Mitnahme an Board berichten, 2011 zugenommen hat, müsste man sich angemessen mit den Vorschriften und den Sicherheitsüberprüfungen befassen, warnt Mukundan. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem für diesen Bereich ein umfassender rechtlicher Rahmen geschaffen worden sei, müssten Reeder und Kapitäne den Vorgaben der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation (IMO) und den Richtlinien der Industrie dafür folgen.
Der IMB-Report zeigt, dass sich die Überfälle der somalischen Piraten vorwiegend im Arabischen Meer und dem Golf von Aden konzentrieren. Gleichwohl entführten 2011 somalische Piraten erstmals ein geankertes Schiff im Territorialgewässer eines fremden Staates, Oman. Dies macht deutlich, dass Häfen und vor Anker liegende Schiffe in der Region wachsam sein müssen.
Andere afrikanische Hochrisikoregionen
Nigeria und Benin bleiben weiterhin Hochrisikoregionen. Aus Nigeria wurden 10 Überfälle und zwei Entführungen gemeldet. Das IMB warnt jedoch, dass diese Zahlen nicht die wirkliche Bedrohung durch Piraten wiedergeben. Der Umstand, dass viele Angriffe aus Nigeria nicht gemeldet werden, bleibt bedenklich. Das IMB stellt fest, dass man Kenntnis von 34 Vorfällen in der dortigen Region hat, die nicht gemeldet wurden.
Auch gab es 2011 vermutlich eine Ausweitung der Aktivitäten nigerianischer Piraten in die Nachbarregion nach Benin, wo 20 Angriffe auf Tanker gemeldet wurden, acht wurden entführt und ihrer Ladung teilweise beraubt. Zudem wurde in der Region überproportional viel Gewalt angewandt.
Besserung in Südost-Asien und dem indischen Subkontinent
Aus Bangladesh wurden 10 Piratenüberfälle in der Nähe von Chittagong gemeldet. Dies bedeutet einen Rückgang, da 2010 noch 23 Angriffe verzeichnet wurden. Er ist auf die verstärkten Maßnahmen der Küstenwache in Bangladesh zurückzuführen. Gleichwohl müssen Schiffe, die in der Nähe von Chittagong vor Anker gehen, wachsam bleiben. In Indonesien hat die Anzahl der Angriffe hingegen im zweiten Jahr in Folge zugenommen. Piratenüberfälle aus dem Südchinesischen Meer fielen von 31 im Jahr 2010 auf 13 im vergangenen Jahr.
Das IMB Piracy Reporting Centre (PRC) der ICC ruft Schiffseigner und Kapitäne dazu auf, alle Vorfälle dem PRC und den jeweiligen Behörden mitzuteilen. Das Piracy Center ist die einzige Einrichtung seiner Art weltweit. Es ermöglicht Schiffseignern, Vorfälle jederzeit und von jedem Ort aus zu melden. Das Center stellt Pirateriereporte zusammen, erteilt Warnungen, steht Schiffen bei Überfällen mit Rat zur Seite und koordiniert medizinische Hilfe und Unterstützung der zuständigen lokalen Behörden. Als Teil der privatwirtschaftlich organisierten Internationalen Handelskammer ist es frei von politischem Einfluss.
- Der komplette ICC-Report (engl.) kann hier gratis zum Download angefordert werden (Anmeldung erforderlich).
- Die (deutsche) Zusammenfassung gibt es hier.